• Myriam

Im Einklang mit dem Material

“The Japanese shibori dyer works in concert with the material, not in effort to overcome its limitations. An element of the unexpected is always present. All the variables attendant upon shaping the cloth serve to remove some human control from the shibori process.” 1

“Im Einklang mit dem Material” empfinde ich als ein wichtiges Stichwort, das ebenso für meinen Umgang mit einem Werkstoff und der Entwicklung von Produkten eine zentrale Rolle spielt. Begeben wir uns in die Welt der Färbung zeigt sich schnell, dass nicht jedes Material auf dieselbe Art und Weise auf einen Farbstoff anspricht. Zum einen reagiert nicht jedes Material gleich und zum anderen kann auch das gleiche Material aufgrund seiner Beschaffenheit und Herstellung einen Farbstoff anders aufnehmen und wiedergeben.


Um einen natürlichen Farbstoff kennen zu lernen, färbe ich jeweils verschiedene Textilqualitäten mit unterschiedlichen Eigenschaften im gleichen Färbebad. Bei der Färbung mit der Avocado habe ich dazu beispielsweise Baumwolle-, Viskose- und Seidenabschnitte verwendet (Abb. 1).

Alle Textilstücke wurden gleich Vorgebeizt und gleichzeitig in das Färbebad gelegt. Bei diesem Vorgang ist jeweils zu Beobachten, dass je nach Gewebedichte und Garnstärke der Textilien die Färbung heller, dunkler, gesättigter oder verblasster heraus kommt. Bei dem Färbeprozess mit der Avocado wurde zum Beispiel der schwere, dicht gewebte Baumwollstoff dunkler als dieser, der mit einem dünnen Garn gewebt wurde. Ebenso kann es vorkommen, dass eine Faser den Farbstoff gar nicht erst aufnehmen möchte. Dies kann einerseits an der vorangehenden Appreturen liegen, welche die Farbaufnahme beeinflusst. Ebenso können die eigenen Fette, Wachse oder Klebstoffe einer pflanzlichen oder tierischen Faser sich auf die Färbung auswirken. 2



Färbung mit Krappwurzel: Seide / Seide / Baumwolle / Leinen / Baumwolle / Wolle / Wolle


Vergleichbare Ergebnisse entstehen bei der Textilfärbung unterschiedlicher Fasern. Was bei der Baumwolle als leuchtend erscheint, kann neben einer Seide matt wirken. Gerade bei der Seide wird ein leuchtendes Erscheinungsbild beispielsweise durch eine Atlasbindung unterstützt, wodurch die Farbe glänzender empfunden wird. Es wird deutlich, dass bereits in diesem ersten Schritt das Material mit seinen Eigenschaften und seiner Verarbeitung mitbestimmt, wie eine Färbung heraus kommt.


Somit komme ich zu dem zweiten Punkt, der mich bei der Ausführung der verschiedenen Reservierungstechniken leitet. “...Nicht in dem Bemühen, dessen Grenzen zu überwinden” definiert für mich einen wichtigen Grundsatz für die Entwicklung eines Produktes. Wie bereits oben erwähnt, besitzt jedes Textil beispielsweise durch seinen Rohstoff oder seine Flächenerzeugung eine andere Eigenschaft. Dies bedeutet, dass zum Beispiel ein Gewebe aus dickerem Garn und dichter Bindung sich schwer für eine Färbetechnik verwenden lässt, wo der Stoff in kleinen Abständen gefaltet und abgebunden wird. In diesem Fall gibt uns das Material vor, entweder mit grossen Faltungen zu arbeiten oder eine andere Technik zu wählen. Natürlich können wir versuchen, einen Stoff wie diesen in die von uns gewünschte Form zu bringen. Bei der Ausführung werden wir jedoch schnell merken, dass wir gegen den Willen des Materials arbeiten und dadurch das Ergebnis enttäuschend heraus kommen kann. Für meine persönliche Arbeitsweise empfinde ich es deshalb als elementar, sich jeweils die Frage zu stellen; welche Eigenschaften benötige ich und macht das gewählte Material oder die ausgesuchte Technik dafür Sinn?


Beim Shibori können wir einen grossen Teil der Kontrolle annehmen, um unser gewünschtes Färbeziel zu erlangen. Dennoch teilt wahrscheinlich jede färbende Person die Erfahrung, dass egal wie gut wir ein Material kennen, wie genau wir unsere Färbeflotte berechnen oder wie exakt wir unser Material abbinden; das Ergebnis kommt selten identisch heraus. Es gibt zahlreiche Faktoren, die den Färbeprozess beeinflussen und dazu führen, weshalb eine Färbung anders als die vorangehende wird. Trotz Kontrolle bleibt am Ende immer ein Anteil übrig, wo wir diese abgeben und uns dem Willen des Färbeguts hingeben dürfen.


Quellen:

1 World Shibori Network, As Tradition; Japan, 2021

https://shibori.org/traditions/

2 Kunstdrucke und Textildrucke, Vorbereiten von Stoffen vor dem Färben und Bemalen, 2021 https://www.kunstdrucke-textildruck.de/fachartikel/vorbereiten-von-stoffen-vor-dem-faerben-und-bemalen/


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